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VietnamNudelsuppe heisst „Pho“

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11. Mai 2010 - 7. Juni 2010
Reisetag Nr. 1451 - 1478

Mekong-Delta

Es war wie Tag und Nacht, als wir die Brücke an der Grenze nach Vietnam überfahren hatten. Nein, nicht der Himmel verdunkelte sich, aber vor lauter Menschen fühlte man sich plötzlich eingeengt. Nichts mehr war von der angenehmen Weite Kambodschas zu spüren. Willkommen in der Sardinendose!

Das Mekong-Delta hatten wir uns definitiv etwas idyllischer vorgestellt. Aber war ja eigentlich zu erwarten, dass sich die Reisbauern dort niederlassen, wo das Land am grünsten, die Felder am flachsten sind, dort, wo die Flüsse nie austrocknen. Und dort, wo es im Sommer am heissesten und am feuchtesten ist! Wir fuhren in einer Sauna, leider ohne nordfinnischen Kiefernduft und ohne Erfrischung im kühlen Teich. Die Düfte – naja, sagen wir mal, typisch asiatisch. Und Tümpel eher nicht so einladend.

Die ganze Strecke bis nach Saigon (etwa vierhundert Kilometer) war eine einzige Stadt. Kein einsamer Baum am Strassenrand, um sein Geschäft zu erledigen, keine Schatten spendende Palme für das Nickerchen nach dem Mittagessen. Nichts als Häuser, Hütten, Menschen, Tiere, Autos und, dies zu allererst, Mofas. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber an alles. Und so ein dicht besiedelter Flecken hat ja durchaus auch seine Vorteile: Es wird einem bestimmt nicht langweilig, und man lernt ein Land mit vielen Facetten im Schnellverfahren kennen. Die Restaurantdichte war so hoch, dass man sich nicht Gedanken darüber machen musste, wo und wann man seine Mittagsrast machen möchte. Nein, das nächste Lokal war schneller erreicht, als man seinen Magen knurren hören konnte.

Vietnam war definitiv ein Töff-Land, auch wenn man vereinzelte Velofahrer antraf. Grundsätzlich war, wer Rad fuhr ganz einfach zu jung (will heissen: sehr jung), oder dann zu alt, um Töff zu fahren. Oder körperbewusst? Während schlanke junge Frauen in ihren schönen traditionellen schneeweissen Schuluniformen elegant auf dem Fahrrad dahinschwebten, donnerte die pubertierende männliche Jugend dämlich hupend auf ihren Hondas durch die Gegend. Das war zumindest auf dem Lande so. In den Städten vermischten sich die Geschlechter zu einem lieblosen hupenden, stinkenden Einheitsbrei. Also da meinen wir jetzt in erster Linie den Verkehr natürlich. Denn diese Motorräder sind wirklich eine echte Plage in Vietnam (vor allem natürlich in Saigon – und erst recht Hanoi). Da hast du als Fussgänger mal wieder überhaupt keine Rechte. Wie sind ja noch agil und uns einiges an Verkehrs-“Regeln“ gewohnt. Aber es ist halt schon doof, wenn Motorräder die gesamten Trottoirs verstellen, und man auf die Strasse ausweichen muss, um vorwärtszukommen. Und dort natürlich schauen, dass man nicht unter die Räder kommt. Mit der Zeit hat man zwar den Dreh etwas raus, gar nicht erst nach links und rechts schauen, sondern einfach mit gleichmässiger, nicht zu hoher Geschwindigkeit vorwärtsgehen. Ohne abrupte Richtungsänderungen vorzunehmen, versteht sich. Der Strom aus Mopeds bahnt sich dann einfach seinen Weg um das Hindernis. Natürlich nicht, ohne fröhlich zu hupen.

Noch waren wir aber ein paar Tagesetappen entfernt von Saigon und wir wollten mal sehen, ob wirklich das ganze Mündungsgebiet des mächtigen Mekongs eine einzige Stadt ist oder wir nur durch eine kilometerlange Filmkulisse, die die Strasse säumt, fuhren. Und dafür nahmen wir uns ein Boot mit stotterndem Zweitakt-Stabmixer und freundlichem Bootsmann. Durch immer enger werdende Kanäle fuhren wir hinein ins Delta oder hinaus aufs Land – wie man will. Dort war's dann doch noch idyllisch, die Händlerinnen stakten ihre Boote durch die engen überwucherten Wasserläufe, links und rechts lagen die Reisfelder hinter den Deichen. Es war beschaulich, was wohl in erster Linie der Absenz von Strassen und ergo knatternden Motorrädern zu verdanken war. Da Wasser bekanntlich Ruhe verströmt, ging auch das Leben hier einen geruhsameren Gang. Man wurde fast etwas neidisch auf dieses Dasein. Natürlich nur, solange man die Hitze, die Feuchtigkeit, die Moskitos, das braune schlammige Wasser in welchem gefischt, die Wäsche gemacht, der Salat gewaschen und die Morgentoilette erledigt wird, ausser Acht lässt. Definitiv nichts für Brö, der ja bekanntlich am liebsten nur in abgekochtem Wasser baden würde.

Zwar beschaulicher als am Basar, aber doch geschäftig ging es an den schwimmenden Märkten zu und her. Grossverteiler boten in geräumigen Barken Ladungen Früchte und Gemüse an. Wer welche Ware feilzubieten hatte, wurde durch Musterprodukte an einem langen Mast markiert: Fein säuberlich aufgereiht hingen Melonen, Ananas, Kartoffeln, Karotten et cetera. Somit konnte man schon von Weitem entscheiden, bei wem man seinen Wocheneinkauf erledigen wollte. Kleinere Boote übernahmen die Feinverteilung, andere boten Dinge des täglichen Gebrauchs an (Zigaretten, Seife und Zahnbürste), während die Käuferinnen im ganzen Wirrwarr umherruderten. Daneben kam natürlich, wie es sich für den Markt gehört, das Soziale nicht zu kurz. Beim schwimmenden Kaffee-Stand konnte man gemütlich ein bisschen tratschen und schnattern (was sich dank Sprache und Stimmlage wirklich manchmal wie ein aufgescheuchter Entenschwarm anhörte), sich beim Kiosk einen kühlen Drink genehmigen oder sich an einem Küchen-Schiffchen (mit offenem Herd) aus den dampfenden Kochtöpfen verköstigen. Feuer und Eis – es gibt nichts, was nicht auf den kleinen Holzbooten transportiert wird.

Wenn man eine reich verzierte Kirche sah im südlichen Vietnam, war das im Allgemeinen kein katholisches Gotteshaus, obwohl das Christentum hinter dem Buddhismus die zweitgrösste Religion ist im Lande. Viel mehr aufsehen erregten die reich verzierten Tempel der Cao Dai. In verspielten Stil à la Gaudì, pastellfarben, verschnörkelt. Ein ebensolches farbiges Sammelsurium sind die Heiligen der Sekte: Victor Hugo, Sun Yat Sen, Isaac Newton und die Jungfrau von Orleans, um nur einige zu nennen. Das Evangelium stützt sich auf Moses, Jesus, Buddha, Konfuzius, Laotse, die Erde ist Planet Nummer achtundsechzig von zweiundsiebzig, wobei Nummer eins am nächsten beim Himmel liegt und Nummer zweiundsiebzig direkt neben der Hölle. Da haben wir also galaktisch gesehen noch ein wenig Potenzial. Die Darstellung von Gott ähnelt den Symbolen von Christentum und Buddhismus. „Bastle dir deine eigene Religion aus sakralem Recyclingmaterial“, so könnte man die Glaubensgemeinschaft umschreiben, die von Lebeman und Opiumraucher Ngô Văn Chiêu gegründet wurde. Drogen. Aha.

Saigon (Ho Chi Minh City)

Die Cafés in Saigon hatten zwar nicht mehr die gemütlichen Hängematten, wie wir sie im Mekong-Delta schätzen gelernt hatten, dafür war der Kaffee hier fast noch besser. Vielleicht auch deshalb, weil wir ihn unterwegs immer eisgekühlt getrunken hatten. Mit viel Zucker oder gesüsster Kondensmilch. Der vietnamesische Kaffee schmeckt wie kein anderer, süsslich, würzig und die Zubereitung trägt wohl auch zum Genuss bei: Jede Tasse fliesst am Tisch langsam durch einen speziellen Metallfilter. So fängt der Gaumenkitzel bereits an, bevor man zu trinken anfängt. Während sich die Tasse tröpfchenweise füllt und einem der Duft der frisch gemahlenen Bohnen in die Nase steigt.

Saigon (oder Ho Chi Minh City, wie es nach gewonnener Schlacht von den Vietcong umgetauft wurde) war erstaunlicherweise einigermassen angenehm zu Fuss zu erkunden. Die Franzosen haben im Stadtzentrum grosszügige Strassen angelegt und hier schien parkieren auf den Gehwegen entweder verboten oder zumindest nicht schicklich. So hackten wir die hoch angepriesenen Sehenswürdigkeiten ab und was im Führer absolut genial tönte, war oftmals etwas enttäuschend. Als Reisebuchautor muss man natürlicherweise eine gehörige Portion Enthusiasmus für ein Land hegen, um alles in möglichst blumigen Worten anzupreisen. Aber ehrlich gesagt nützt das dem Besucher ja auch nichts. Nun, vielleicht ist die Qualität der raubkopierten Lonely Planets ja auch inhaltlich nicht die gleiche ... ;-S

Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben, deshalb ist es nicht erstaunlich, dass die Amerikaner nicht allzugut wegkommen im War Remnants („Kriegs-Überbleibsel“) Museum. Ho Chi Ming ging zwar auch nicht gerade zimperlich um mit Andersdenkenden, ist aber heute ein Held ohne Makel. Dies einmal beiseitegelassen, war der Besuch des Museums sehr eindrucksvoll, denn es zeigt vor allem eines: die Schrecken des Krieges. Und dies recht unverblümt, ohne viel zu beschönigen.

Den Überblick der jüngeren Vergangenheit von Vietnam zu vervollständigen schloss auch einen Besuch der Tunnels ein, welche die Vietcongs teilweise unter der Nase der Südvietnamesen buddelten. Kilometerlang, eng, feucht und stickig. Selbst die auf Touristenmasse erweiterten Gänge waren nichts für Klaustophoben. Und wenn man bedenkt, dass die Menschen jahrelang unter solchen Umständen hausen mussten, um dem Bombenhagel zu entfliehen – unvorstellbar. Unser Führer war aus Saigon und deshalb nicht ein besonders grosser Fan der Verglorifizierung der Vietcong. Schliesslich haben vor allem die Südvietnamesen ja aufs Dach bekommen, nicht eigentlich die Amerikaner. Und mal ehrlich, wer will den heute noch den Kommunismus?

Wobei das mit der Sozialistischen Republik Vietnam sowieso langsam zur Farce wird. Mit weit ausgestreckten Armen nimmt man jede Gelegenheit wahr, ein Geschäft zu machen. Willkommen Marktwirtschaft, bye bye brüderliches Teilen. Das Politkomitee lässt gewähren, die Einwohner haben ein gewisses Mass an Selbstbestimmung und Freiheit und die Elite braucht sich deswegen doch nicht um demokratische Wahlen oder dergleichen zu kümmern. Win-win?

Wie sehr kapitalistisches Gedankengut selbst im Norden in den Köpfen der Menschen verankert ist, wurde uns spätestens klar, als wir in Hanoi von den Ladeninhabern unmissverständlich darauf hingewiesen wurden, nicht vor Nachbars Theke zu stehen, keinen Zentimeter, unter keinen Umständen. Geiz. Futterneid. Man bugsierte uns höchstpersönlich an den gewünschten Platz. Die Rivalität ist gross, der Konkurrenzkampf hart, die Worte teilweise unschön. Ganz anders sieht es aus, wenn am Markt das gemeinsame mittägliche Nudelsuppenschlürfen oder Reishineinstopfen vorbei ist. Dann nämlich, wenn der Kundenstrom abreisst und es ruhig wird in den Hallen, legen sich die Leute für eine ausgiebige Siesta hin und möchten lieber nicht von potentiellen Käufern gestört werden. Mittagschlaf ist angesagt und da haben wir unsere Priorität bezüglich der Ware, welche an unserem Stand verkauft würde, bereits gesetzt: Stoff oder Kleider – darauf schläft es sich einfach viel bequemer als auf Fischen oder Durians (stinkende stachelige Frucht).

Der Küste entlang in den Norden

Relaxen tönt gut. Genug Grossstadtchaos, wir fuhren ans Meer. Erster Stop: Nha Trang. Spanien-Feeling: Viele Hotels, ein breiter Boulevard, Promenade und ein weiter langer Strand. Wir verbrachten den Tag unter dem Sonnenschirm (auf gemieteten Liegestühlen – wenn schon, denn schon!) und genossen die Meeresbrise. Das Wasser war angenehm sauber und angenehm warm. Am nächsten Tag sattelten wir unseren Göppel aber bereits wieder und fuhren der Küste entlang nach Norden. Die N-Eins war nicht, wie uns verheissen wurde, chaotisch und stark befahren. Im Gegenteil, es war eine recht angenehme Landstrasse und es war auch nicht mehr so dicht besiedelt hier, wie ganz unten im Süden. Jedoch war es noch immer heiss, sehr heiss. Vor allem, wenn die Strasse etwas weiter ins Landesinnere führte, die Meeresbrise abstellte und durch einen schwülen Wind aus Nordwesten (dummerweise unsere allgemeine Fahrtrichtung) abgelöst wurde.

Wir wurden nicht nur vom Verkehr gewarnt, sondern auch von der unfreundlichen, teilweise regelrecht feindseligen Einstellung der Vietnamesen gegenüber Fremden, von steinewerfenden Kindern, von Halsabschneidern und Betrügern. Das war die gleiche Mär wie die schlechten Strassen, die lausigen Unterkünfte und die dürftigen Ess-Portionen in Kambodscha. Alles gar nicht wahr! Entweder hatten wir besonders Glück, oder unsere Erwartungen waren verhältnismässig gering. Oder wir waren ganz einfach so charmant, dass man uns weder übers Ohr hauen, noch beklauen, in ein Loch stecken oder mit Steinbrocken bewerfen konnte. Und sahen wohl so ausgemergelt aus, dass man uns mit anständigen Portionen aufpäppeln musste ;-) Es war nämlich so, dass die Vietnamesen überaus freundlich, offen und hilfsbereit waren. Wobei der Ehrlichkeit halber erwähnt sein soll, dass ein gewisses Nord-Südgefälle spürbar war. Aber die Italiener sind ja auch fröhlicher und ausgelassener als die Deutschen, oder? Ups ...

Hoi An ist so etwa die perfekte Touristendestination. Eine intakte Altstadt (was in einem Land, in welchem die allermeisten Orte mehr oder weniger stark zerbombt wurden, nicht eben selbstverständlich ist). Es hatte alles hier, um das Leben des Reisenden angenehm zu machen: Eine Beach, nationale und internationale Küche, Souvenirshops, alte Häuser und Tempel, und mehr Schneider, als Sandkörner am Strand. Es darf also wieder geheiratet werden – wir möchten gerne unsere edlen Stücke aus Seide und Kaschmir durch den Ballsaal walzern ;-)

Nicht nur Kleiderläden (und -hersteller) gab es in beträchtlicher Anzahl. Durch die Vielfalt der Restaurants animiert, besuchten wir einen Kochkurs. Nicht so bewandert in Sachen Meeresfrüchte zubereiten, wählten wir unser Menu: Frühlingsrollen mit Crevetten, Fisch im Tontopf und gefüllter Tintenfisch. Superlecker, selbst von uns zusammengebraut!

Ein kurzer Zwischenstopp in Hué, der Studentenstadt, brachte wiedereinmal zu Tage, wie anders doch Denkmäler und historische Stätten präsentiert werden in Ost und West. Respektive wie verschieden der Tourismus in Orient und Okzident ist. Während bei uns Individualtourismus das Mass der Dinge ist (vor allem natürlich dank dem geflügelten Wort „Individuell“) macht man hier lieber einen auf Gruppenerlebnis. Horden von Asiaten aus den umliegenden Ländern (vor allem China und Korea) wurden durch die Zitadelle von Hué geschleust und per Megafon aufgeklärt. Und statt die noch bestehenden Gebäude auf dem grossen Gelände zu konservieren, werden lieber neue Tempel hochgezogen. Nach Originalvorgaben vielleicht, aber nicht mit derselben leidenschaftlichen Liebe fürs Detail, denselben Materialien und dem handwerklichen Können. Alles nur Show. Okay, die Chinesen machen natürlich fast in die Hose, wenn sie leuchtendes Rot und strahlendes Gold sehen und erst noch ihre hoch komplizierten Schriftzeichen, die kaum ein Vietnamese heute noch lesen kann. Was tut man nicht alles für seine Gäste ...

Die Gebäude, die uns anzogen, waren dem Verfall preisgegeben und dienten lediglich als Geräteschuppen oder für das wohlverdiente Nickerchen der Angestellten. Hatte dafür den Vorteil, dass man ungestört herumwandern konnte, ohne dass einem eine übereifrige Reiseführerin ins Ohr plärrte. Wir brauchen eben nicht viel, um zufrieden zu sein: Ein bisschen Ruhe, eine Bank oder eine Mauer, um drauf zu sitzen, ein Eis und die Aussicht in einen Hof, in welchem zwei Elefantenbullen friedlich ihre Rüssel schwangen und frische Äste vertilgten.

Hanoi

Der chinesische Einfluss war unverkennbar in Vietnams Hauptstadt im Norden. Die Staatsflagge vielleicht etwas anders, aber doch recht ähnlich und omnipräsent. Statt Mao blickte Ho Chi Minh von den Sockeln herab. Der Nationalheld und Vaterfigur der kommunistischen Partei Vietnams immerhin etwas freundlicher als der chinesische Revolutionär. Und überall nudelsuppenschlürfende Menschen. Allen voran wir zwei ;-) Auch wenn wir es bis zum Schluss nicht schafften, Pho richtig auszusprechen und korrekt zu betonen, war es eines der ersten Worte, die wir lernten. Hätten ja nie gedacht, dass wir uns von Suppe ernähren würden bei fünfunddreissig Grad im Schatten!

Es gab zwei Magnete in Hanois Strassen. Der eine war wie gesagt, die Nudelsuppenstände, der zweite die „Bia Hoi“ Lokale. Was übersetzt soviel wie „Bier im Offenausschank“ bedeutet und deshalb ebenfalls keiner weiteren Erklärung bezüglich Popularität bedarf. Es war echt friedlich abends in einem Bia Hoi zu sitzen, und das Treiben rundherum zu beobachten. Da die Trottoirs von den Motorrädern überstellt waren, wurden die Kinder-Plastikstühle und die Kinder-Plastiktischchen kurzerhand auf die Strasse gestellt – bis zur Razzia. Denn aus heiterem Himmel hiess es jeweils plötzlich, aufstehen, Tischchen und Stühlchen aufeinanderstapeln und sich vor dem Lokal zu drängen und so zu tun, als sei man an einer Cocktailparty. Etwas später fuhr dann tatsächlich die Polizeikontrolle vorbei und noch etwas später konnte man zur gewohnten Sitzordnung zurückkehren. Offenbar funktionierte das Buschtelefon einwandfrei, die Ordnungshüter trafen aufgeräumte Strassen an und jeder war zufrieden, dass doch alles so schön nach Vorschrift läuft.

Anders im Strassenverkehr, denn da nichts nach Vorschrift. Ausser einer einzigen, der Helmtragpflicht nämlich. Die schien im Volk bereits so verankert, dass die Leute den Helm gar nicht mehr auszogen, auch wenn sie schon lange nicht mehr auf dem Töff sassen: auf dem Reisfeld, am Markt, beim Arbeiten, Spazieren, Nudelsuppe schlürfen. Der Helm scheint dem traditionellen konischen Hütchen aus Reisstroh langsam den Rang abzulaufen. Vielleicht tut die Mode auch noch das ihre dazu, das Helmtragen so populär zu machen. Denn die Kopfschützen aus Plastik genügen zwar kaum westlichen Sicherheitsstandards, dafür sehen sie einfach viel cooler aus. Flotte Fünfzigerjahredeckel mit Fliegerbrillen, modische Dächlikappen-Varianten im Channel- oder Nike-Stil oder dann elegante Sonnenhüte, mit welchen man sich durchaus unter den Adel an einem englischen Pferderennen mischen könnte.

Was ebenfalls absolut der Hit ist in Vietnam, sind Mundschütze. Da hätten unsere rechtsgelagerten Politiker wieder ihre liebe Müh' damit, denn sie verdecken fast das ganze Gesicht – oh Schreck, man sah nur noch die Augen durch einen schmalen Schlitz! Doch darunter versteckten sich nicht als Frauen verkleidete langbärtige Taliban und sonstige Asoziale, sondern Leute wie du und ich. Könnte das bei uns zuhause nicht vielleicht auch so sein? ... Nun, das ganze Gesichterverdecken hat hier keinen kulturellen oder religiösen Hintergrund, sondern ganz einfach einen praktischen. Oder sogar zwei: Erstens schützt der Mund-und-Nasenschutz vor dem Dreck in der Luft und zweitens vor der Sonne. Je bleicher, je besser ist hier die Devise, „noble Blässe“ noch immer hoch im Trend in Asien. Und nicht nur Frauen schützen sich von den UV-Strahlen zusätzlich zum Hut (oder eben, Helm) und dem Gesichtsschutz mit Ärmlingen und Handschuhen. Und weil hier praktisch jeder in Flip-Flops daherschleift (zu lernen, dass man die Füsse beim Gehen etwas anheben sollte, gehört definitiv nicht zur asiatischen Kinderstube, aber das ist ein anderes Thema), eben da Flip-Flops Schuhwerk der Wahl (egal ob man im Markt an der Fischtheke arbeitet, die Kühe durch den Morast auf die Weide treibt, auf dem Bau mit dem Presslufthammer in der Gegend herummarschiert oder in dreissig Meter Höhe auf dem Gerüst herumklettert), eben genau dafür gibt es für die modebewusste Frau spezielle Flip-Flop-Socken mit einem Einschnitt zwischen grossem und zweitem Zeh. Alles in allem Komplettkörperbedeckung, sodass am Schluss wirklich kein Stückchen Haut mehr zu sehen war. Was uns aber erstaunte war, dass was für uns am selbstverständlichsten ist und praktisch von Sonnenauf- bis untergang auf unseren Nasen sitzt, die Sonnenbrille, hier praktisch niemand trug. Vielleicht deshalb, weil die angepriesenen Ein-Dollar-Gläser wohl eher schaden als nützen. Nicht, dass wir erwarten, dass sich das hier jemand überlegt ... Jetzt aber weg mit der Sonnenbrille, denn ...

Der Regen kommt

Wenn es mit einem Mal dunkel wurde in den Strassen, die Händler ihre Ware zusammenpackten, lag das nicht an der Tageszeit, sondern an einem Sturm, der sich über den Dächern der Stadt zusammenbraute und mit plötzlichen Sturmwinden heftige Regenfälle brachte. Gut, das flutete immerhin mal die permanent stinkenden Abwasserkanäle. Wie sieht es wohl weiter im Norden aus? Wir bestiegen den Nachtzug und machten uns ein Bild von den Verhältnissen vor Ort.

Diesen Aufwand hätten wir uns allerdings sparen können, denn sehen taten wir gar nichts. Sapa war in dichten Nebel gehüllt es war kalt und regnerisch. Da wir aber nur für ein Wochenende hier waren, mieteten wir uns trotzdem einen Töff (eher Moped) und krochen einen Pass hoch. Knapp zweitausend Meter über Meer war das Wetter noch übler, zum Glück hatten wir unsere Regenjacken eingepackt. Ein Trockenanzug wäre durchaus angebrachter gewesen. Es war etwa so, wie wenn man im November ins Engadin fährt, ein paar Grad kühler und die Gegend wäre weiss gewesen vom Graupelschauer. Das war jetzt natürlich schon ein wenig schade, denn hier oben sollten die schönen Reisterrassen liegen, welche in den steilen Berghängen angelegt wurden. Aber eben, man sah kaum die Hand vor Augen. Da konnten wir uns geradeso gut ins Hotelzimmer verschanzen und unter der dicken Decke das Satelliten-TV-Nachmittagsprogramm reinziehen. Schön farbig.

Am nächsten Tag besuchten wir einen Sonntagsmarkt, zu welchem die Leute aus den umliegenden Dörfern und Weilern in ihren traditionellen Kleidern einmarschierten. Wir beneideten die Menschen überhaupt nicht um ihre dicken Wollstoffe, die sich doch vollsaugen mussten mit all dem Regen. China lag bloss einen Katzensprung entfernt, doch bis auf Gummistiefel und Plastiksandalen aus dem Reich der Mitte und seines Zeichens weltweitem Billigstkunststofframschlieferant verschmähten die Hmong und die andern Volksstämme der Berge die Errungenschaften moderner Polymer-Technik. Fotogen waren die farbig gewobenen Stoffe ja, aber praktisch?

Für uns war der Fall eigentlich bereits schon vorher klar gewesen. Das nasse Wetter war nur noch zur Gewissensberuhigung. Wir wollten etwas vorwärts machen, hatten nicht grosse Lust durch Laos zu radeln und Hügel auf- und ab durch Feuchte, Kälte, Regen und Hitze zu strampeln. Zudem waren wir vor gut zehn Jahren bereits einen Monat lang per Tandem hier unterwegs gewesen und wussten somit was uns in etwa erwarten würde. Überdies hatte uns mal wieder alle Welt versichert, wie sich doch alles in dem Land verändert hätte – und zwar nicht zum Guten. Aber nach den Diskrepanzen in der Wahrnehmung in den beiden anderen Ländern Indochinas waren wir uns nicht mehr so sicher, ob wir überhaupt noch jemandem trauen können ... Nichtsdestotrotz entschlossen wir uns für die Abkürzung per „Air Asia“.

Beim ersten Hahnenschrei packten wir unser Rad und fuhren aus der langsam erwachenden Stadt zum vierzig Kilometer entfernten Flughafen. Über die lange Brücke, die den Roten Fluss überquert. Genügend Zeit, um sich in aller Ruhe und ohne Hektik von Hanoi und Vietnam zu verabschieden. Und natürlich das letzte Pho zum Frühstück herunterzuschlabbern ...



17.11.11 Geraldton, Australien

Westaustralien – das ist Natur pur. Und zwar in scheinbar endlosen Dimensionen sogar! Nicht nur ...
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